„Enttäuschung bringt die Seele in Aufruhr
bis hin zur Verbitterung
Alles sträubt sich gegen diese Mechanik
Doch meist wird man machtlos besiegt

Schmerz verzerrt
Wirkt so hässlich
In mir, an mir
Und ist so schwer zu ertragen

Schreien befreit und öffnet. Es entlässt Wut aus dem Körper und zeigt ein Abbild des inneren Ist-Zustandes.“
Dumm nur, wenn die Wut ausgerechnet in einem Cafe raus will und man dadurch von der Bedienung aufgefordert wird, man möge doch zahlen und gehen. Was weiß die schon von Angst und Trennung. Schon klar: eine Frau, mit Augenringen die man mit schwarzer Schuhcreme verwechseln könnte und abgeblättertem Nagellack, schreiend am Tisch sitzend? Gehört sich auch nicht. Also gut. Bin nachhause und habe die Wände angebrüllt, und den Tisch und den Stuhl und das Bier im Kühlschrank und alle haben sie mir zugehört. Ach wie schön das war, kein Widerspruch, keine Diskussion, einfach schreien. Es hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich einfach weiter geschrieen habe und dabei die Zeit vergaß. In der Zwischenzeit hat mein Ex angerufen und da ich ja vergaß auzuhören, hat er aufgelegt. Ich bin mir ziemlich sicher dass ich die ultimative Waffe zur Förderung der eigenen Unbeliebtheit erfunden habe.
„Wenn das Herz blutet, hilft kein Verband oder die bloße Blutstillung. Es benötigt den Prozess der Heilung, neues Gewebe und Kruste. Das Jucken zeigt uns: ja wir sind auf dem richtigen Weg, Linderung hat sich eingestellt. Zuweilen erinnert uns das Kratzen an die Narbe.“
Morgen werde ich wieder ins gleiche Cafe gehen, werde der Bedienung zeigen dass ich keine von den Irren bin, dass ich ganz ruhig auf meinem Stuhl sitzen und in der grauen Menge der Gäste untergehen kann. Ich werde mir eine Zeitung mitnehmen und ganz vertieft die aktuelle Weltproblematik studieren- zum Schein. Denn in Wahrheit werde ich den muskulösen Ober beim Kaffeekochen beobachten. Morgen werde ich nicht schreien. Versprochen.

Ich mit mir

August 1, 2007

Die letzten Tage war ich durchwegs im Bett gelegen und befasste mich mit der Musterung meiner Tapete. Dumpf senierend, berührungslos. Ja meine Tapete gefällt mir. Immer wieder versuchte ich mich dem Tag zu stellen, was erledigt werden muss, sollte auch gewissenhaft getan werden. Wie etwa: Gewissenhaft den Telefonstecker aus der Buchse ziehen. Doch nichts in mir schien lebendig zu sein, obwohl eine Stimme tief im Inneren laut nach einem eingerahmten Leben schrie. „Wenn doch nur mein Leben halt finden würde, an Eckpfeilern. Gefangen im endlosen Fall, nicht fähig die Notleiter zu erreichen.“
Kaum zu glauben aber wahr, denke ich mir, aber jetzt ist er weg. Mein Lebensabschnittsgefährte. Ein Gefährte lediglich für einen Abschnitt meines Lebens? Die genauere Betrachtung liefert also schon die Lösung. Ja, das liegt dem Absurden schon verdächtig nahe. Habe ich mich doch immer so sehr gegen einen Partner mit Schein- Trauschein, gewehrt. Durch die bloße Liebe aneinander gebunden zu bleiben, alles nur Einbildung? So hat`s bis heute geklappt. Und jetzt das. Aus und vorbei. Weg. Futsch. Kurz: keine Brötchen am Morgen, kein geregeltes Sexleben, kein eingeseift-werden unter der Dusche, kein nichts, kein gar nichts mehr.
Ganz konkret ist heute der erste Tag vom Rest meines Lebens, den ich nicht wage in meinem Kalender zu markieren. Oder sollte ich schreiben: Dorette- ab heute allein, oder: Freitag- schwarz, oder: Heute- Pille absetzen, niemand wird dich schwängern.
Obwohl es gerade mal kurz nach 8 Uhr ist und sich Kaffeegeschmack auf meiner Zunge breit macht, sind heute ausnahmslos alle Termine gestrichen. Heute und für den Rest der Woche, wobei, Moment mal, ja das passt, ist ja heute schon Freitag. Heute gehört der Tag mir, wie auch ich mir von nun ab jeden Tag nur noch selbst gehöre. Brrr, wie schauderhaft.
„Zu tief die Enttäuschung, zu tief die Angst vor dem was kommt und jetzt undefinierbar vor mir liegt. Und zu tief hat sich der Schmerz in meine Seele gebrannt. Das- Verlassen- werden konfrontiert mich ungewollt mit dem Suchen und Finden des Glückes und dem Durchleben des Schmerzes, kurz: dem Sinn des Lebens. Gekämpft und doch verloren, Leben ohne Liebe? Niemals, Leben ist Liebe. Allein angekommen, allein gehen. So der Lauf der Dinge, und dazwischen? Sollten da nicht Beziehungen auf zwischenmenschlicher Basis das Leben überhaupt erst lebenswert machen?“
Sollte da nicht Remmidemmi sein? Sanft die Fetzen fliegen? Doch nun befinden sich meine Gefühle im Sturzflug. Aber, tröstlicherweise muss auch das mal eine Ende nehmen. Muss- das liegt in der Natur der Sache. Niemand fällt nur, denn der Sturz zwingt zum Aufstehen. Ob man will oder nicht.
Also gut, da ist sie ja wieder, meine Spontaneität. Ich habe mich zum Brunchen verabredet- mit mir, am Freitag Morgen. In genau 42 Minuten.

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